In „Berliner Bessermacher" sprechen wir mit Berliner Unternehmen und Unternehmern darüber, wie nachhaltiges Wirtschaften in der Region aussehen kann. Heute mit: Raphael Fellmer vom Lebensmittelretter SIRPLUS. Über mehr als 3 Millionen Kilogramm gerettete Lebensmittel. Über pflanzliche Ernährung als eine nachhaltige Alternative für alle. Und darüber, warum es schon eine Minute vor Zwölf ist und jede Mahlzeit zählt!

BR: Guten Tag Herr Fellmer. Bitte stellen Sie sich kurz vor.

Raphael Fellmer (RF): Ich bin Raphael, Social Entrepreneur, Klimaaktivist und Autor. Meine Karriere als Lebensmittelretter begann 2009 als Mülltaucher, dann lebte ich fünf Jahre im „Geldstreik“, um mehr Bewusstsein für die Verschwendung zu schaffen. In der Zeit habe ich foodsharing.de aufgebaut, eine Freiwilligenbewegung von mehr als 80.000 Foodsaver:innen, in DACH. Durch viele Medienauftritte wurde ich zum Gesicht der Lebensmittelrettung im deutschsprachigen Raum. 2017 habe ich mit meinem Co-Gründer Martin Schott das Social Impact-Startup SIRPLUS gegründet. Über 200.000 Kunden:innen retten bereits mit und haben gemeinsam mit unserem Team über 3 Mio. Kilogramm Lebensmittel gerettet.  

BR: Was macht Ihr Unternehmen? Und vor allem: was macht Ihr Unternehmen besonders gut, wo liegt Ihre Superkraft?  

RF: Wir retten überschüssige Lebensmittel bei Produzent:innen und Großhändler:innen und bringen sie zurück in den Kreislauf, indem wir sie in unserem Online Shop und unseren fünf Berliner Rettermärkten zum Verkauf anbieten. Diese überschüssigen Lebensmittel entsprechen nicht der Norm, haben kleine Makel, sind nah am oder über dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Vollkommen lecker und bestens genießbar sind sie trotzdem, das prüft unser Qualitätsmanagement detailliert und regelmäßig. Wir haben schon über 800 Partner:innen gewonnen, denen wir Produkte abkaufen, die die Tafeln nicht abholen. Tafel first, das ist unsere Grundregel!

Gleichzeitig versuchen wir mit unserem Alltagsgeschäft und unserer Bildungsarbeit das Thema Lebensmittelverschwendung zum Mainstream zu machen und Verbraucher:innen zum Umdenken anzuregen. Ohne unsere Kund:innen würde die Lebensmittelrettung nicht funktionieren, nur gemeinsam mit ihnen und unseren Partner:innen leisten wir einen wichtigen Beitrag zu nachhaltigem Konsum und Klimaschutz!

Was wir auf jeden Fall besonders gut können ist, Menschen dazu zu begeistern, von zu Hause aus ganz einfach und bequem Teil der Lösung zu werden! Mit unserer Botschaft haben wir bereits über 15 Millionen Menschen erreicht und dazu angeregt, achtsam und wertschätzend mit Lebensmitteln umzugehen. Diese Menschen fangen an, den globalen Zusammenhang zu verstehen und wie wichtig es ist, die wortwörtlichen „Mittel zum Leben“ zu achten. Das Bewusstsein für die Ressourcen und die Arbeitskraft, die in die Lebensmittel fließen, haben wir durch mehr Aufmerksamkeit in den Medien geschaffen. Das Thema rückt immer mehr in die Mitte der Gesellschaft, sodass auch privat viel weniger weggeschmissen wird.

BR: Damit wir Sie nicht nur aus beruflichem Blickwinkel kennenlernen, verraten Sie uns doch auch einen kleinen Spleen von Ihnen.  

RF: Das ist einfach. Ich liebe es, Lebensmittel zu retten und kratze deswegen auch wirklich jedes Gläschen Aufstrich mit einem Stück Brot bis zum letzten Rest aus. Ich kann es nicht sehen, wenn da auch nur 3 % des Glasinhalts verschwendet werden.

In „Berliner Bessermacher" sprechen wir mit Berliner Unternehmen und Unternehmern darüber, wie nachhaltiges Wirtschaften in der Region aussehen kann. Sprechen Sie mit!

BR: Stichwort Berlin: Was macht Berlin für Sie zu einer lebenswerten Stadt?  

RF: Berlin ist eine wunderbare Stadt mit enorm vielen Möglichkeiten. Hier ist alles vorhanden, um ein erfolgreiches, weltbewegendes und nachhaltiges Start-up aufzubauen und tolle Kund:innen, Partner:innen sowie unterstützende Firmen zu gewinnen. Dabei denke ich zum Beispiel an die Berliner Stadtreinigung und die Tochtergesellschaft Berlin Recycling, die uns schon von Anfang an zur Seite stehen – und ganz nebenbei auch die besten Sprüche der Welt auf Berliner Mülleimer abdrucken.

BR: Was bedeutet der Begriff Nachhaltigkeit für Ihr Unternehmen oder für Sie persönlich?

RF: Für mich ist Nachhaltigkeit, oder Enkeltauglichkeit, wie ich gern sage, die Grundlage unseres Lebens. Nur wenn wir es schaffen, unseren Planeten und damit unser Ökosysteme weiterhin bewohnbar zu machen können auch zukünftige Generation sich entfalten und im Einklang mit der Natur leben.

In den letzten 50 Jahren hat die Menschheit die Erde mehr zerstört als alle anderen Generation vor uns. Jetzt liegt es in unseren Händen, das Steuer massiv umzureißen – und zwar mit Vollgas in Richtung nachhaltige und soziale Zukunft. Dafür muss jede:r privat schauen, wie der ökologische Fußabdruck gesenkt werden kann, also z.B. durch weniger Flugreisen oder gar der Streichung aller unnötigen Flüge.

Gerade mit Corona haben wir gesehen, dass auch weniger geht. Das Gleiche gilt in Bezug auf Konsum allgemein: Auf Unnötiges verzichten, wenn möglich lieber auf Qualität statt Quantität setzen, auch bereits Gebrauchtes verwenden. Viele Menschen sind sich dessen nicht bewusst.

Auch eine pflanzliche Ernährung ist die nachhaltigere Alternative. Deswegen ernähre ich mich schon seit 2010 vegan. Das geht auch ausgewogen! Mir persönlich geht es sehr gut damit und ich habe diese Entscheidung auch aus ganzem Herzen getroffen, insofern ist das für mich kein Verzicht, sondern ein Gewinn: Ich ernähre mich so, wie mein Herz schlägt!

Ein weiterer Punkt ist, dass wir in Europa so leben, als gäbe es drei weitere Planeten Erde. Die Uhr tickt und es bleiben uns laut den Vereinten Nationen nur noch wenige Jahre, um das Ziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung zu erreichen.

Die Menschen müssen zusammenrücken und realisieren, dass alles möglich ist, solange wir uns sowohl privat verändern als auch auf einer politischen Ebene handeln. Unternehmen und Organisationen sind genauso am Zug, die Klima-Agenda nach vorne zu treiben. Gemeinsam können wir es schaffen, eine enkeltaugliche Zukunft zu gestalten!

BR: Geben Sie uns bitte ein Beispiel für Nachhaltigkeit in Berlin / in Europa / auf der Welt, welches Sie nachhaltig beeindruckt hat.

RF: Für mich ist die Öko-Suchmaschine Ecosia, die mittlerweile schon 120 Millionen Bäume gepflanzt hat und zur größten Suchmaschine Europas aufgestiegen ist, ein Paradebeispiel für die Integration nachhaltiger und sozialer Werte in die DNA eines Startups. Außerdem zeigt sie, wie erfolgreich ein solches Konzept sein kann. Ich bin selbst sowohl mit der App als auch auf meinem Laptop ein stetiger Nutzer dieser nachhaltigsten Suchmaschine der Welt, die in Berlin mit viel Liebe ständig weiterentwickelt wird.

BR: Welchen Beitrag kann die regionale Wirtschaft leisten und welchen Beitrag kann Recycling leisten, damit die Stadt Berlin nachhaltiger und lebenswerter wird?

RF: Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sind wesentliche Bestandteile für eine enkeltaugliche Zukunft! Wir von SIRPLUS wurden von Berlin Recycling unter anderem dazu beraten, wie wir unsere Mülltrennung verbessern können, sodass vor allem das Plastik aus unseren Paletten und Rollis wieder in den Kreislauf kommt anstatt verbrannt zu werden. Wir sind sehr dankbar, dass Berlin Recycling proaktiv auf uns zugekommen ist und uns dabei unterstützt, besser und nachhaltiger zu wirtschaften.

Unabhängig davon haben wir selbst vorangetrieben, möglichst viel von der Pappe, die eigentlich als Müll in unserem Lager anfällt, als Füllmaterial für unsere Boxen zu nutzen, die wir an fast 10.000 Menschen pro Monat schicken. Somit betreiben wir selbstständig Upcycling, statt die Pappe wie viele andere Firmen aufwändig abholen zu lassen. Klar muss jedes Unternehmen schauen, dass dieser Aufwand machbar ist, auch durch diese Auslagerung können Materialien wieder in den Kreislauf gelangen. Dinge aber zu retten, bevor sie dort wieder eingeschleust werden müssen, ist aber natürlich noch nachhaltiger.

BR: Was sind die größten Herausforderungen, die man dabei überwinden müsste? Und aus welchem Bereich erwarten Sie gute Lösungen? Politik oder Bürger? Wirtschaft oder Kunden? Startups oder Technik?

RF: Meiner Meinung nach müssten alle sowohl privat, als auch in Unternehmen, Organisationen, Hochschulen, Universitäten und Schulen an einem Strang ziehen und Enkeltauglichkeit gemeinsam massiv nach vorne bringen. Ich sehe zum Beispiel nach wie vor viel Potenzial in politischen Maßnahmen wie beispielsweise Steuern, durch die viel erreicht werden könnte. Wie kann es sein, dass Zugfahrten durch die Deutsche Bahn, einem staatlichen Konzern, unterbunden oder gar heruntergefahren werden, während Flugreisen gleichzeitig so billig sind wie noch nie? Dazu gibt es nicht einmal eine europäische Lösung! Durch Besteuerung könnte erreicht werden, dass ein Flug auf jeden Fall immer teurer ist als eine Zugfahrt.

Gleiches gilt für das Thema Lebensmittelverschwendung. Ähnlich wie beim Benzin würde eine Ökosteuer auf Biotonnen Unternehmen dazu motivieren, weniger Müll zu produzieren, diese Tonnen nämlich nicht einfach immer wieder zu füllen, sondern einen anderen Weg zu gehen. Das könnten vermehrte Spenden an die Tafeln sein, günstigere Abgaben an die Endkund*innen oder andere kreative Lösungen, wie aus den überschüssigen Rohstoffen neue Produkte herzustellen. Es gilt, neu zu denken, auf allen Ebenen zu versuchen, gemeinsamen mit den Kund:innen ein Bewusstsein zu schaffen, dass Lebensmittel einen ideellen Wert haben. Wir sollten alles versuchenn, diese im Kreislauf zu belassen bis sie jemanden satt machen. Und das gilt sowohl für die Gastronomie als auch den Handel!

BR: Würde man das Ausmaß des Klimawandels mit einer Uhr messen, wie spät wäre es dann?

RF: Ich hab das Gefühl, dass die Uhr seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige schon auf fünf vor 12 steht. Da das aber jetzt auch schon über 13 Jahre her ist, würde ich sagen, es ist eher eine Minute vor 12.

BR: Bekommen wir es trotzdem hin?  

RF: Ja davon bin ich überzeugt! Jeder Mensch muss bei sich selbst anfangen, Enkeltauglichkeit groß zu schreiben und sich zu fragen: Brauche ich das wirklich, ist dieser Flug notwendig, kann ich eine andere, nachhaltigere Lösung finden, kann ich meine Ernährung langfristig umstellen? Jede kleine Konsumentscheidung, jede Mahlzeit zählt, denn wir haben nicht nur alle vier Jahre die politische Wahl, sondern bei jeder Kaufentscheidung als Konsument:in. Das gilt nicht nur an der Supermarktkasse, sondern auch für Investments, Geldanlagen, der Bankauswahl. Ökobanken wie die Tomorrow Bank sind in Deutschland kostenlos! Ebenso für Strom: ökologische Alternativen sind einfach zu beziehen. Gleichzeitig ist es natürlich wichtig, wirklich nur das zu verbrauchen, was notwendig ist und unnötige Stromfresser zuhause wie im Unternehmen zu vermeiden.

Den Kopf in den Sand zu stecken ist auf jeden Fall nicht die Lösung. Als gutes Beispiel voranzugehen und Tag für Tag nachhaltiger zu leben und damit anderen Menschen Mut zu machen, das ist mein Ziel!

BR: Vielen Dank für das Interview Herr Fellmer und die vielen Anregungen und Tipps, wie wir gemeinsam zu einer enkeltauglichen Zukunft beitragen können!

 

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