Wie der Digitale Produktpass die Kreislaufwirtschaft stärkt
Herr Dr. Berg, stellen Sie sich bitte kurz vor und erläutern Sie, womit Sie sich in Ihrer Forschung beschäftigen.
Mein Name ist Holger Berg, ich leite die Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH. Mein Forschungsinteresse gilt den Chancen und Einflüssen im Hinblick auf die Ermöglichung einer Kreislaufwirtschaft. Digitale Produktpässe sind ein zentraler Bestandteil dieser Arbeit.
Der Digitale Produktpass gilt als wichtiger Baustein der Kreislaufwirtschaft. Was genau verbirgt sich hinter diesem Konzept?
Gemäß der EU-Definition ist der DPP „Ein digitaler Container für produktspezifische Informationen.“ Er soll als eine digitale Identität für ein Produkt, eine Komponente oder ein Material dienen. Die enthaltenen Informationen sollen Rückverfolgbarkeit und Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglichen.
Welche Ziele werden mit dem Digitalen Produktpass verfolgt? Welches Problem soll er lösen?
Der Produktpass soll eine Reihe von Problemen lösen. Bezogen auf die Kreislaufwirtschaft soll er vor allem Informationsdefizite beheben, die Circular Economy zurzeit be- oder verhindern. Zum Beispiel sollen Informationen zur Reparatur enthalten sein. Lebenszyklus- und Ersatzteildaten sollen Refurbishment und Remanufacturing ermöglichen. Informationen über Inhaltsstoffe sollen schließlich mehr und höherwertiges Recycling erlauben. Durch das Sammeln und Transferieren der Daten sollen aber auch kreislauffähigere Designs und neue Geschäftsmodelle entstehen.
Für Behörden sollen zunächst Zoll und Marktüberwachung digitalisiert und vereinfacht werden. Endkonsument*innen sollen nachhaltigere Kaufentscheidungen treffen. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
Für welche Produkte ist der Digitale Produktpass relevant?
Das ist eine stetig anwachsende Liste. Zunächst betroffen sind Batterien ab Februar 2027. Danach folgen relativ bald u.a. Eisen und Stahl, Kleidung, Möbel, Reifen, einige Elektro- und Elektronikprodukte, bestimmte Bauprodukte und einige mehr. Perspektivisch folgen dann zum Beispiel auch Automobile.
Gemäß der Single-Market-Strategy der EU sollen in Zukunft im Prinzip alle Produkte auf dem europäischen Markt nach und nach einen DPP haben.
Welche Informationen enthält ein Digitaler Produktpass?
Das variiert von Produktgruppe zu Produktgruppe und ist tatsächlich noch nicht wirklich bekannt. Aktuell wartet man gespannt auf die Delegierten Rechtsakte der EU und in einigen Bereichen auf Standards, die dies festlegen sollen. Wichtig ist vor allem, dass die unterliegenden Datenmodelle interoperabel sind. Dass man unter einem Datenpunkt also überall das Gleiche versteht.
Wie gelangt ein Produkt überhaupt zu seinem Pass und wie wird der Digitale Produktpass im Alltag von Unternehmen, Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie weiteren Akteuren entlang der Wertschöpfungskette konkret eingesetzt?
Der Pass wird in Zukunft vom Inverkehrbringer eines Produkts oder einem von diesem beauftragten Unternehmen erstellt werden müssen. Ein Inverkehrbringer kann z.B. ein Hersteller, Importeur und unter bestimmten Bedingungen auch ein Händler sein. Das Produkt muss dann in der EU-Registry registriert werden. Der Zugriff auf die Daten funktioniert dann dezentral. Das heißt, die Daten sind vom Inverkehrbringer hinterlegt und werden bei diesem abgerufen. Die Registry ist dann eine Art Vermittlerin.
Die Nutzenden, egal ob Unternehmen, Verbraucher*innen oder Behörden können über einen sogenannten Data Carrier auf den DPP zugreifen. Das kann zum Beispiel ein Barcode oder ein Chip sein. Über diesen werden sie dann zu den DPP-Daten weitergeleitet. Ganz wichtig: Die Daten befinden sich nicht am Produkt.
Gibt es ein konkretes Produkt aus der Praxis, anhand dessen Sie die Funktionsweise und den Nutzen des Digitalen Produktpasses veranschaulichen können?
Für Batterien als die ersten betroffenen Produkte kann man dies ganz gut zeigen. Betroffen sind zunächst nicht alle Batterien, sondern solche aus Elektroautos, Industriebatterien mit mehr als 2 KWh Kapazität und aus der leichten Mobilität wie z.B. Fahrräder oder Scooter.
Wenn wir einmal beim Elektroauto bleiben, dann soll der DPP einer Batterie in Zukunft Basisdaten enthalten (Welche Batterie ist das?, Wo kommt sie her?, Wer hat sie hergestellt?, Wie ist sie zusammengebaut? usw.) und auch Lebenszyklusdaten sammeln (bspw. Wie oft wurde die Batterie geladen? Gab es Probleme oder Sonderereignisse wie Tiefenentladung, zu große Hitze oder mechanische Beschädigung? Wurde die Batterie regelmäßig kontrolliert und ggf. gewartet?, etc.).
In einem Elektroauto sind die Batterien die teuersten Bauteile. Kenne ich ihren Zustand, sagt das viel über den Wert eines (gebrauchten) Autos aus. Mit Hilfe der DPP- Daten soll auch ein besseres Recycling möglich werden, da dann bekannt ist, wie man die Batterie demontieren kann und welche Stoffe enthalten sind. Auch kann die Entscheidung getroffen werden, ob Circular Economy -Anwendungen wie die Second-Life-Verwendung möglich ist: Eine Batterie, die nicht mehr gut genug für ein Auto ist, kann vielleicht noch stationär eingesetzt werden. Auch über die Sicherheit einer gebrauchten Batterie könnte mit DPP-Daten entschieden werden.
Wie lässt sich sicherstellen, dass die hinterlegten Daten vollständig, aktuell und verlässlich sind?
Das wird im Einzelnen zu prüfen sein und kann in Zukunft auch automatisiert ablaufen. Dabei ist zu unterscheiden, ob es sich um die grundsätzlich richtigen Daten(formate) handelt und dann noch, ob die Daten richtig sind. Man muss sich aber eines vor Augen führen: Wer falsche Daten einstellt haftet und macht sich nicht zu einem vertrauenswürdigen Geschäftspartner. Korrekte Daten werden also in vielen Fällen auch den Markterfolg von Unternehmen bedingen.
Wir sind als Entsorgungsunternehmen ein wichtiger Teil der Kreislaufwirtschaft. Welche Chancen eröffnet der Digitale Produktpass für Unternehmen unserer Branche?
Hier geht es zum Beispiel um bessere Trennung und Sortierung und in der Folge um ein höherwertiges Recycling auf der Basis besserer Identifizierbarkeit und geeigneter Materialdaten. Genau hängt das natürlich immer davon ab, welche Branchen ein Entsorgungsunternehmen bedient und welche Aufgaben es hat. Dann sind auch andere Modelle beispielsweise in der Vorbereitung zur Wiederverwendung denkbar.
Digitale Produktpässe sollen Verbraucher*innen auch Informationen zur Entsorgung von Produkten geben. Hoffentlich wird also z.B. eine bessere Getrenntsammlung erfolgen.
Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen rund um den Digitalen Produktpass?
Aktuell ist alles sehr dynamisch. Viele Detail-Regulierungen stehen noch aus, dabei startet der Batterie-DPP schon im Februar. Dies stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen.
Dann folgt die Umsetzung. Bei digitalen Technologien sind die selten ohne Kinderkrankheiten. Da werden dann auch die Behörden, allen voran die Europäische Kommission schnell reagieren müssen. Für viele Unternehmen bewirkt der DPP einen Digitalisierungsschub, auch das muss bewältigt werden.
Wenn wir in zehn Jahren auf den Digitalen Produktpass blicken: Woran würden wir erkennen, dass er ein Erfolg für die Kreislaufwirtschaft geworden ist?
Wenn es mit seiner Hilfe gelungen ist, Circular Economy-Strategien effizienter umzusetzen oder überhaupt erst möglich zu machen, vor allem da, wo es um Lebensdauerverlängerung geht. Wenn neue, digitalgestützte Circular Economy-Strategien und -designs entstanden sind. Wenn Verbraucher*innen mit Hilfe von DPP routinemäßig Kaufentscheidungen treffen. Wenn Circular Economy-Politik mit DPP-Daten bessere Entscheidungen fällen kann. Wenn wir mit Hilfe des DPP die Circular Economy besser verstanden haben.
Wir danken herzlich für das Interview und die bereitgestellten Informationen.
Über Dr. Holger Berg
Dr. Holger Berg ist Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH. Sein Forschungsinteresse gilt den Chancen und Einflüssen der digitalen Transformation im Hinblick auf die Ermöglichung einer Kreislaufwirtschaft. Schwerpunkte liegen auf Digitalen Informationssystemen wie dem Digitalen Produktpass, auf der digital ermöglichten Kreislaufwirtschaftspolitik und auf der Umsetzung in Unternehmen und Wertschöpfungsketten.
Holger Berg berät Regierungen und internationale Organisationen zu diesen Themen und ist Mitglied der Advisory Boards verschiedener Programme an der Schnittstelle der Digitalen Transformation und der Circular Economy.
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