Die Kreislaufwirtschaft wird häufig über Zielbilder beschrieben: weniger Abfall, höhere Recyclingquoten, geschlossene Stoffkreisläufe. In der praktischen Umsetzung hängt ihr Erfolg von konkreten Rahmenbedingungen ab. Materialien müssen erfasst, getrennt und geeigneten Prozessen zugeführt werden. Erst dann können technologische Verfahren ihre Wirkung entfalten. 

Unter Kreislaufwirtschaft wird im Kontext der Entsorgung die möglichst vollständige Rückführung von Materialien in stoffliche oder energetische Nutzungskreisläufe verstanden. Entscheidend ist dabei nicht nur die grundsätzliche Recyclingfähigkeit eines Materials, sondern insbesondere die Qualität seiner Erfassung, Sortierung und Aufbereitung

Aktuell lassen sich mehrere Entwicklungslinien beobachten. Einerseits entstehen Verfahren, mit denen sich bislang schwer verwertbare Stoffströme zumindest teilweise wieder auf Rohstoffniveau zurückführen lassen. Andererseits werden Sortier- und Aufbereitungsprozesse präziser und stärker automatisiert. Ergänzend dazu entwickeln sich Systeme, die Materialströme besser nachvollziehbar machen. Die folgenden Beispiele zeigen, wie solche Ansätze derzeit umgesetzt werden. 

1. STREP – Systemische Lösungen für das Recycling komplexer Textilabfälle 

Das EU‑Projekt STREP setzt sich zum Ziel, textile Abfälle aus dem Post‑Consumer‑Bereich deutlich besser stofflich nutzbar zu machen. Hintergrund ist, dass moderne Textilien häufig aus Mischgeweben, komplexen Materialkombinationen und vielfältigen Ausrüstungen bestehen, die eine zuverlässige Sortierung und ein hochwertiges Recycling mit heutigen Verfahren erheblich erschweren. 

Gleichzeitig wächst die Menge an Textilien, die in Umlauf gebracht werden, seit Jahren kontinuerlich – bei oft sinkender Qualität und immer kürzeren Nutzungszyklen. Viele Kleidungsstücke werden neu gekauft, obwohl Second-Hand-Angebote stark zunehmen, und ein großer Teil der ausgedienten Textilien gelangt nicht in hochwertige Vewertungsprozesse. Hier zeigt sich die Notwendigkeit innovativer Recyclingansätze wie die von STREP.

Der Prozessansatz kombiniert mehrere Schritte: Zunächst sollen textile Abfälle mithilfe fortschrittlicher Sensorik und KI‑gestützter Sortiersysteme präzise nach Faserarten und Störstoffen klassifiziert werden. Anschließend werden mechanische und chemische Recyclingverfahren eingesetzt, um auch komplexe Materialmischungen aufzuschließen. Polyester kann beispielsweise durch Depolymerisation in seine Ausgangsbausteine zerlegt werden, während cellulosehaltige Fasern in chemische Zwischenprodukte überführt werden können, die als Basis für neue Anwendungen dienen. 

Ziel ist es, möglichst viele Bestandteile eines Textils stofflich zu nutzen und Rezyklate in einer Qualität zu erzeugen, die wieder in neue Produkte einfließen können. Gleichzeitig hängt die Effizienz stark von der Zusammensetzung des Inputmaterials ab: Stark gemischte oder verunreinigte Textilien erhöhen den Sortier‑ und Aufbereitungsaufwand. Daher untersucht STREP auch, wie Komponenten wie Reißverschlüsse oder Knöpfe so gestaltet oder befestigt werden können, dass sie vor dem Recycling leichter entfernt werden können. 

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Design for Recycling. Dazu entwickelt das Projekt sowohl eine Materialdatenbank als auch praxisnahe Fertigungsrichtlinien, die Herstellern helfen sollen, Textilien bereits in der Produktentwicklung so zu gestalten, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus einfacher zerlegt und recycelt werden können. 

👉 Neben der stofflichen Verwertung spielen auch alternative Ansätze wie die kreative Weiterverarbeitung eine Rolle. Im Blogbeitrag „Upcycling von Kleidung” erfahren Sie, wie sich aussortierte Textilien aufwerten und erneut nutzen lassen.  

2. Pyrum Innovations – Pyrolyse von Altreifen 

Die Pyrum Innovations AG betreibt Anlagen zur thermischen Verwertung von Altreifen mittels Pyrolyse. Dieses Verfahren wird insbesondere bei Materialien eingesetzt, die sich mechanisch nur eingeschränkt recyceln lassen. 

In einem typischen Ablauf werden die Reifen zunächst mechanisch aufbereitet, beispielsweise durch Zerkleinerung und die Abtrennung von Metallbestandteilen. Das vorbereitete Material wird anschließend unter Sauerstoffausschluss erhitzt. Durch die thermische Zersetzung werden die organischen Bestandteile in kleinere Moleküle überführt. 

Dabei entstehen verschiedene Produktströme. Ein Teil wird als flüssiges Pyrolyseöl gewonnen, das als Rohstoff in industriellen Prozessen eingesetzt werden kann. Zusätzlich fällt ein gasförmiger Anteil an, der häufig zur Energieversorgung der Anlage genutzt wird. Darüber hinaus entsteht fester Kohlenstoff, der nach entsprechender Aufbereitung in verschiedenen Anwendungen eingesetzt werden kann. 

Der Ansatz zielt darauf ab, Altreifen nicht nur energetisch zu verwerten, sondern zumindest teilweise stofflich in industrielle Kreisläufe zurückzuführen. Gleichzeitig ist der Prozess auf definierte Eingangsmaterialien angewiesen. Fremdstoffe oder Vermischungen mit anderen Abfällen können die Prozessführung und die Qualität der Produkte beeinflussen. 

3. Urban Mining in Zürich – Materialkreisläufe im Bauwesen 

Urban Mining bezeichnet die systematische Rückgewinnung von Materialien aus bestehenden Gebäuden, Infrastrukturen und technischen Systemen innerhalb urbaner Räume. Ziel ist es, diese Materialien möglichst hochwertig wieder in Nutzungskreisläufe zurückzuführen. 

In Zürich wird das Konzept des Urban Mining in verschiedenen Bauprojekten angewendet. Dabei wird davon ausgegangen, dass bestehende Gebäude und Infrastrukturen erhebliche Mengen an Materialien enthalten, die bei Rückbau oder Umbau wieder genutzt werden können. 

Der Ansatz beginnt häufig mit einer Bestandsaufnahme der verbauten Materialien. Diese werden hinsichtlich ihrer Zusammensetzung und potenziellen Verwertbarkeit erfasst. Beim Rückbau selbst wird, soweit möglich, selektiv vorgegangen. Das bedeutet, dass Materialien getrennt ausgebaut werden, anstatt sie gemeinsam als Abfallstrom zu behandeln. 

Die getrennt erfassten Fraktionen können anschließend unterschiedlichen Verwertungswegen zugeführt werden. Beton kann beispielsweise aufbereitet und als Recyclingmaterial im Bau eingesetzt werden, während Metalle in bestehende Recyclingkreisläufe zurückgeführt werden. In bestimmten Fällen ist auch eine direkte Wiederverwendung von Bauteilen möglich. 

Der Ansatz kann dazu beitragen, die Qualität der gewonnenen Materialien zu verbessern. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis, dass die Trennung vor Ort einen erheblichen Einfluss auf die spätere Verwertbarkeit hat. Werden Materialien frühzeitig vermischt, etwa in unsortierten Bauabfällen, lassen sich hochwertige Verwertungswege nur eingeschränkt nutzen. 

4. R-Cycle – Digitaler Produktpass für Verpackungen 

Ein digitaler Produktpass beschreibt Materialien und Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg und macht ihre Zusammensetzung sowie Verwertungsoptionen maschinenlesbar verfügbar. Ziel ist es, Informationen bereitzustellen, die im Entsorgungs- und Recyclingprozess gezielt genutzt werden können. 

Die Initiative R-Cycle verfolgt einen datenbasierten Ansatz zur Verbesserung von Recyclingprozessen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass viele Verpackungen zwar grundsätzlich verwertbar sind, ihre Materialzusammensetzung im Entsorgungsprozess jedoch nicht eindeutig erkannt werden kann. 

Im Rahmen von R-Cycle werden Informationen zur Verpackung bereits während der Herstellung erfasst. Dazu gehören beispielsweise Angaben zur Materialstruktur, zu eingesetzten Schichten oder Additiven. Diese Daten werden mit der jeweiligen Verpackung verknüpft, etwa über Codes oder andere Identifikationssysteme. 

Im weiteren Verlauf können diese Informationen genutzt werden, um Verpackungen in Sortieranlagen gezielter zu identifizieren und geeigneten Verwertungswegen zuzuordnen. Dadurch lässt sich die Zuordnung zu bestimmten Recyclingprozessen verbessern. 

Der Ansatz kann dazu beitragen, Informationslücken im Recyclingprozess zu schließen. Gleichzeitig bleibt die physische Erfassung und Trennung der Materialien weiterhin relevant. Fehlwürfe oder Vermischungen können auch bei vorhandenen Daten die Qualität der Sortierung beeinträchtigen. 

👉 Im Beitrag „Umweltfreundliche Verpackungen: Weniger Müll dank nachhaltiger Rohstoffe” können Sie nachlesen, wie Materialien bereits in der Produktentwicklung recyclinggerechter gestaltet werden können. 

5. ZenRobotics – KI‑gestützte Sortierung von Sperrmüll 

KI-gestützte Sortiersysteme nutzen Sensordaten und trainierte Modelle, um Materialien automatisiert zu erkennen und gezielt zu trennen. Sie kommen insbesondere dort zum Einsatz, wo heterogene Abfallströme mit klassischen Verfahren nur schwer zu verarbeiten sind. 

Das finnische Unternehmen ZenRobotics entwickelt robotergestützte Sortiersysteme, die speziell für die Verarbeitung von Sperrmüll und anderen großstückigen Abfallströmen ausgelegt sind. Hintergrund ist, dass solche Abfälle sehr heterogen sind und häufig Materialien enthalten, die sich mit klassischen mechanischen Verfahren nur unzureichend trennen lassen. 

Der Sortierprozess basiert auf einer Kombination aus KI‑gestützter Objekterkennung, 3D‑Sensorik und robotischen Greifarmen. Die Systeme analysieren jedes Objekt in Echtzeit, identifizieren Materialarten wie Holz, Metall oder Kunststoffe und sortieren sie gezielt aus. Anders als bei herkömmlichen Anlagen ist keine vollständige Vorzerkleinerung erforderlich, was sowohl Energie spart als auch die Materialqualität erhält. 

Ziel ist es, möglichst viele Wertstoffe aus gemischten Abfallströmen zurückzugewinnen und hochwertige Sekundärrohstoffe bereitzustellen. Die Effizienz hängt dabei stark von der Genauigkeit der KI‑Erkennung ab: Störstoffe oder stark verschmutzte Materialien können die Sortierleistung beeinträchtigen. Daher werden die Systeme kontinuierlich mit neuen Datensätzen trainiert, um auch komplexe Objekte zuverlässig zu erkennen. 

In der praktischen Anwendung zeigt sich, dass KI‑basierte Robotersysteme besonders bei Sperrmüll, Bau‑ und Abbruchabfällen sowie industriellen Reststoffen deutliche Vorteile bieten. Sie ermöglichen eine präzisere Sortierung, reduzieren manuelle Arbeitsschritte und erschließen bislang ungenutzte Wertstoffpotenziale. 

👉 Die strukturierte Erfassung von Stoffströmen spielt insbesondere im gewerblichen Umfeld eine zentrale Rolle. Im Blogbeitrag „Betriebliches Abfallmanagement” erfahren Sie, welche organisatorischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen. 

Fazit: Die Qualität des Inputs bleibt entscheidend 

Die dargestellten Projekte setzen an unterschiedlichen Punkten der Wertschöpfungskette an und verfolgen jeweils eigene Ansätze. Sie zeigen, dass sich sowohl auf technologischer als auch auf organisatorischer Ebene Entwicklungen ergeben, die die Kreislaufwirtschaft weiter voranbringen können. 

Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf geeignete Eingangsstoffströme angewiesen sind. Die getrennte Erfassung von Alttextilien, Altreifen, Bauabfällen, Metallen oder Sperrmüll bildet eine wesentliche Grundlage für die weitere Verarbeitung. Die Qualität dieser Erfassung hat direkten Einfluss auf die nachgelagerten Prozesse. 

Damit verschiebt sich ein Teil der Verantwortung in eine vorgelagerte Phase. Die Organisation der Entsorgung und die Art der Bereitstellung von Materialien spielen eine zentrale Rolle dafür, in welchem Umfang die beschriebenen Verfahren überhaupt genutzt werden können. 


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