BlogInterview Nachhaltiger Onlinehandel
BESSERMACHER

BR im Interview mit memo: Nachhaltiger Onlinehandel durch Mehrweg­verpackungen

Ein Interview mit Lothar Hartmann, Leitung Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement der memo AG

In unserer „Bessermacher“-Beitragsserie sprechen wir mit Unternehmen darüber, wie nachhaltiges Wirtschaften in der Praxis gelingt. Nachdem wir im Beitrag „So stoppen wir die Wegwerfgesellschaft: 11 Ideen, die sofort wirken“ verschiedene Wege zur Abfallvermeidung vorgestellt haben, widmen wir uns nun einem konkreten Beispiel aus dem Versandhandel: Mehrwegverpackungen. Wie die memo AG diesen Ansatz umsetzt und welche Rolle er für einen nachhaltigeren Onlinehandel spielen kann, erläutert Lothar Hartmann, Leiter Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement der memo AG, im Interview.

Die »memo Box« wird bereits seit 2009 angeboten. Wie entstand damals die Idee für das Mehrweg-Versandsystem?

Versandhandel und E-Commerce tragen zur stetig steigenden Menge an Verpackungsabfall bei. Wer online bestellt, erhält die Lieferung meist in einem Karton, der häufig nach einmaligem Gebrauch im Papiermüll landet. Als Handelsunternehmen mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell wollten wir einen Beitrag leisten, diese Abfälle und den damit verbundenen Ressourcenverbrauch zu reduzieren. So entstand die Idee ein Mehrweg-Versandsystem einzuführen.

Welches konkrete Problem wollten Sie mit der Entwicklung der Box lösen?

Mit unserem Mehrweg-Versandsystem können wir Verpackungsabfälle und Ressourcenverbrauch reduzieren.

Wie hat sich das System seit seiner Einführung verändert?

Zu Beginn wurde die »memo Box« aus konventionellem Polypropylen hergestellt. Inzwischen lassen wir die Transportboxen aus dem hochwertigen Recyclingkunststoff „Procyclen“ fertigen. Damit sparen wir weitere Primärressourcen ein und reduzieren zudem Treibhausgasemissionen bei der Herstellung des Materials.

Ein wichtiger organisatorischer Meilenstein war, die Box mit einem individuellen Barcode zu versehen, über den wir jede Box genau zurückverfolgen und die konkreten Umlaufzahlen messen können.

Was waren rückblickend die größten Herausforderungen beim Aufbau des Mehrwegsystems?

Eine große Herausforderung war die technische Integration des Mehrwegsystems in unsere bestehenden IT-Prozesse. Dazu gehört zum Beispiel, dass unseren Kund*innen die Box beim Bestellvorgang in unserem Online-Shop aktiv als Versandart auswählen können. Für die erfolgreiche Implementierung in unserem Warenversand waren ebenfalls umfangreiche Anpassungen in unserem Warenwirtschaftssystem notwendig.

Zudem entstehen unserem Unternehmen deutliche Mehrkosten für die Retoure der Behälter. Bisher bieten wir unseren Kund*innen diesen Service kostenfrei an.

Die Boxen werden aus dem Recyclingkunststoff Procyclen hergestellt. Woher stammen die dafür eingesetzten Kunststoffabfälle, wie werden sie aufbereitet und welche Qualitätsanforderungen muss das Material erfüllen?

Das Material für den Recyclingkunststoff stammt aus Haushaltsabfällen aus dem Dualen System und erfüllt die Anforderungen des Umweltzeichens „Blauer Engel“ für Recyclingkunststoffe. Die Abfälle werden zu Granulat verarbeitet, das die gleichen Qualitätsanforderungen erfüllen muss, wie herkömmliches Polypropylen.

Wie viele Umläufe erreichen die Boxen durchschnittlich und ab wie vielen Umläufen sind sie vorteilhafter als ein herkömmlicher Versandkarton?

Die Umlaufzahl ist ein entscheidender Faktor für die Umweltverträglichkeit eines Mehrweg-Versandsystems. Je mehr Umläufe eine Transportverpackung erreicht, desto ökologischer wird sie. Deshalb haben wir uns bei der Einführung des Systems ganz bewusst für eine Box aus stabilem Kunststoff entschieden, da diese sehr langlebig ist. Die Boxen sind so konstruiert, dass sie im Regelbetrieb deutlich über 200 Umläufe erreichen.

Wichtig dafür ist auch die Retourenquote vom Kunden an unser Unternehmen zurück. Da wir mit einem Pfandsystem arbeiten, liegt diese aktuell bei 99%. Wird eine Box nicht innerhalb von 14 Tagen zurückgesendet, erhalten die Kund*innen eine Pfandrechnung.

Ab welchem Umlauf ein Mehrweg-Versandsystem ökologischer ist als ein Versandkarton kann man nicht eindeutig beantworten, da dies von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist. Das Umweltzeichen „Blauer Engel“ schreibt für Mehrweg-Versandsysteme wie die »memo Box« eine Zahl von 20 Umläufen vor. Unser Mehrweg-Versandsystem erreicht diesen Wert und ist unter anderem deshalb – derzeit als einziges System – mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnet.

Gibt es neben der eingesparten Kartonage weitere messbare ökologische Effekte?

Neben der Einsparung der Kartonage selbst – memo konnte in den letzten 6 Jahren fast 180 Tonnen Kartonage einsparen – spielt aus unserer Sicht die Reduzierung von Energie und Wasser im Kartonagen-Recyclingprozess selbst eine wichtige Rolle.

Wie funktioniert der Kreislauf vom Lager über die Kundschaft bis zur erneuten Befüllung?

Entscheiden sich unsere Kund*innen bei ihrem Einkauf für den Warenversand in der »memo Box« wird dies im Kundenauftrag im Warenwirtschaftssystem vermerkt und automatisch im Warenversand berücksichtigt.

Nach dem Erhalt können die Kund*innen die Ware in Ruhe auspacken und die Box innerhalb von 14 Tagen zurücksenden. Mithilfe des beigefügten Retourenscheins ist die Rücksendung für sie kostenfrei.

In unserem Wareneingang werden die Boxen auf Verschmutzungen oder Beschädigungen geprüft und wieder ins System eingebucht. Danach stehen sie wieder für den nächsten Versand zur Verfügung.

Für welche Produkte oder Bestellungen eignet sich die Behälter besonders gut?

Abhängig vom Bestellvolumen berechnet unser Warenwirtschaftssystem die optimale Anzahl und Größe an Behältern für den Kundenauftrag. Zur Verfügung stehen die drei Größen S, M und L. Da unsere Kund*innen pro Auftrag durchschnittlich 6 unterschiedliche Artikel, zum Teil in größeren Mengen bestellen, wird in 60 % aller Fälle die große Box L mit einem Volumen von 47,7 Litern eingesetzt.

Produkte, deren Abmessungen oder Volumen die Kapazität der größten Box überschreiten, eignen sich nicht für diese Versand-Option.

Dazu gehören zum Beispiel Möbel.

Was passiert mit einer Box, die beschädigt zurückkommt?

In seltenen Fällen passiert es tatsächlich, dass eine Box beschädigt zurückkommt und nicht mehr für den Warenversand genutzt werden kann. Diese Boxen werden zunächst aussortiert und dann von unserem Fachpersonal in der Logistik überprüft, ob diese zum Beispiel noch für die Lagerung von Produkten geeignet sind. Wir versenden viele Produkte ohne Einzelverpackung an unsere Kund*innen. Um diese während der Lagerung vor Verschmutzungen zu schützen, lagern wir diese in „memo Boxen“. Sind Boxen tatsächlich so beschädigt, dass sie nicht mehr weiterverwendet werden können, sammeln wir diese für ein Recycling. Seit der Einführung des Systems mussten wir erst einmal einen Recyclingprozess starten.

Gibt es Materialverluste oder Bestandteile, die am Ende nicht recycelt werden können?

Da der Korpus des Behälters nur aus einem einzigen Material besteht, ist diese vollständig recyclingfähig. Lediglich die Plomben werden vor dem Recycling separat entsorgt.

Wo liegen derzeit die größten Hindernisse für Mehrwegverpackungen im Onlinehandel?

Nach unseren Erfahrungen gibt es drei große Herausforderungen die aktuell eine flächendeckende Umsetzung von Mehrweg-Versandsystemen im Onlinehandel begrenzen. Einerseits die zum Teil deutlichen Mehrkosten, die für Unternehmen entstehen und andererseits die fehlenden Angebote von Poolsystemen an denen sich Onlinehändler beteiligen können. Gleichzeitig ist eine großflächige Umsetzung nur dann realisierbar, wenn möglichst viele Verbraucher*innen bereit sind Mehrwegsysteme in der Praxis zu nutzen.

Welche politischen oder regulatorischen Rahmenbedingungen würden die Verbreitung erleichtern?

Ein wichtiger Hebel wäre, Mehrweg-Versandsysteme bei öffentlichen Ausschreibungen stärker zu berücksichtigen. Die Nutzung von Mehrweg sollte dabei als relevantes Kriterium in die Einkaufsentscheidung einfließen und entsprechend bei der Bewertung von Angeboten berücksichtigt werden. So könnten öffentliche Auftraggeber gezielt nachhaltigere Versandlösungen nachfragen und gleichzeitig einen wichtigen Impuls für deren Verbreitung im Markt setzen.

Was können Verbraucherinnen und Verbraucher selbst dazu beitragen, damit Mehrwegsysteme funktionieren?

Verbraucher*innen können Mehrweg-Versandsysteme am Markt fördern, indem sie Unternehmen, die entsprechende Systeme anbieten bei ihren Einkaufsentscheidungen im Online-Handel bevorzugen. Aktuell spielt dieser Aspekt bei der finalen Einkaufsentscheidung leider nur eine untergeordnete Rolle. Deshalb haben wir uns auch entschieden, unsere Kund*innen die unser Mehrweg-Versandsystem nutzen nicht mit zusätzlichen Retourenkosten zu belasten und tragen diese Gebühren bisher selbst.

Wie sieht Ihre Vision für den Paketversand im Jahr 2030 aus?

Der Paketversand im E-Commerce im Jahr 2030 erfolgt über flächendeckende Mehrweg-Versandsysteme, die harmonisiert im Poolsystem abgewickelt werden. Die Zustellung der Lieferung erfolgt ausschließlich über regenerativ betriebene Fahrzeuge.

Wir danken herzlich für das Interview und die bereitgestellten Informationen. 

Über die memo AG

Seit 35 Jahren steht beim Würzburger Onlineshop memo der ganzheitlich nachhaltige Handel im Mittelpunkt. Das Sortiment umfasst über 20.000 umwelt- und sozialverträgliche Produkte zu fairen Preisen, etwa Büromaterialien, Naturkosmetik, Lebensmittel oder Werbeartikel. Die Vision, an der das #teammemo Tag für Tag arbeitet, lautet: „Mit unserem Handeln sorgen wir für eine gesunde und intakte Zukunft der Erde.“

Lothar Hartmann ist Leiter Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement der memo AG. Seit 1996 verantwortet der Diplom-Kaufmann zentrale Nachhaltigkeitsthemen im Unternehmen. Zudem erstellt er seit 2003 den mehrfach ausgezeichneten Nachhaltigkeitsbericht der memo AG. Für sein Engagement erhielt er 2020 den BAUM Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis.

(Quelle: memo AG)

Kartonagen richtig entsorgen

Die Vermeidung von Verpackungsabfällen ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit. Wo Kartonagen dennoch anfallen, kommt es auf die richtige Entsorgung an: Durch eine getrennte Sammlung können Papier und Pappe hochwertig recycelt und als Rohstoff erneut genutzt werden. Mit unseren Entsorgungslösungen, von der Blauen Tonne bis zum Container, unterstützen wir Unternehmen dabei, Kartonagen effizient und ressourcenschonend zu entsorgen.

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Transparenzhinweise:

- Die Zitate werden in ihrer ursprünglichen Form wiedergegeben. Der redaktionelle Teil des Beitrags entspricht den Sprachrichtlinien unseres Unternehmens. 

- Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der memo AG. Vorgestellt wird die Mehrweg-Versandlösung memo Box. Die im Interview genannten Aussagen, Kennzahlen und Einschätzungen beruhen, sofern nicht anders gekennzeichnet, auf Angaben der memo AG.