Der geborene Berliner Raphael Fellmer ist Mitgründer der Firma SirPlus, die über ihren Online-Shop, ihre lokalen Supermärkte in Berlin-Wilmersdorf und Steglitz sowie in der Markethalle Neun in Kreuzberg gerettete Lebensmittel in großen Stil verkauft. Davor war Raphael Mitbegründer von Foodsharing und lebte mehrere Jahre im Geldstreik. Wir haben mit ihm über sein Leben und die Entwicklung von SirPlus gesprochen.

Raphael Fellmer von SirPlusBerlin Recycling (BR): Raphael, du hast dir deine ganze eigene Lebensweise gesucht und unter anderem einen Geldstreik durchgezogen. Kannst du uns kurz von deinem Werdegang erzählen?

Raphael Fellmer (RF): Schon als Kind wollte ich immer, dass es allen Menschen gut geht. Ich habe mich dann gefragt, was muss ich dafür tun? Eine Zeit lang dachte ich, ich müsste dafür Millionär werden. Mir ist aber klar geworden, dass oft Menschen darunter leiden. Es führt zu Ausbeutung von Natur und Mitmenschen. So kam ich auf die Idee mit dem Geldstreik, um auf die Verschwendung von Lebensmitteln und Ressourcen aufmerksam zu machen. Das war nicht nur einfach ein Geldstreik, sondern letztendlich ein Konsumstreik. Und ich habe mein Ziel erreicht: Ich habe mit Fernsehauftritten und meinem Buch Millionen Menschen erreicht. Dadurch ist auch die Initiative „Foodsharing“ entstanden – eine Plattform, auf der Betriebe und private Personen essbare Lebensmittel zum Verschenken anbieten, die sonst wahrscheinlich in der Mülltonne landen würden.

BR: Und wie kam dann der Wandel zur Gründung eines Supermarktes?

RF: Foodsharing hat mittlerweile etwa 35.000 ehrenamtliche Lebensmittelretter, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz täglich Lebensmittel vor der Mülltonne retten. Das ist aber dennoch eine Nischengruppe. Foodsharing ist zeitintensiv im Vergleich zum mormalen Einkaufen und kann unmöglich ganze LKW-Ladungen retten. Die Ansprache einer größeren Zielgruppe ist aber notwendig, damit möglichst viele Lebensmittel gerettet werden können. 18 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr verschwendet. Wir möchten, dass jeder Lebensmittel retten kann.

SirPlus in Berlin-WilmersdorfBR: SirPlus soll das also ermöglichen?

RF: Ganz genau. SirPlus ermöglicht die Skalierung für eine größere Zielgruppe. Unser Ziel war es ursprünglich, eine digitale Plattform zu schaffen, auf der sich Organisationen, Vereine und soziale Einrichtungen vernetzen können, die sich für die Lebensmittelrettung einsetzen. Dann kam die Idee des digitalen Marktplatzes dazu, über den große Mengen an überschüssigen Lebensmitteln verkauft und gehandelt werden. Ziel ist es, dass sich dieses eigene Business-Modell langfristig selbst trägt. Die Idee mit dem Online-Shop und den Rettermärkten für überschüssige Lebensmittel kam uns erst zum Schluss und soll das Lebensmittelretten mainstream machen!

BR: Also trägt es sich momentan noch nicht selbst?

RF: Nein, aber wir sind auf einem guten Weg. Für den Start haben wir zwei Darlehen aufgenommen und suchen aktuell auch nach weiteren Darlehensgebern, die etwa 100.000 € leihen können. Damit möchten wir unser weiteres Wachstum finanzieren, um dann aus eigener Kraft heraus wachsen zu können.

BR: Wie weit möchtet ihr denn wachsen?

RF: Erstmal konzentrieren wir uns auf den deutschen Markt. Wenn wir uns hier eine solide Logistik und Infrastruktur aufgebaut haben, wollen wir auch internationale Produzenten, Händler und Konsumenten miteinbeziehen. Wir möchten eine intelligentere, effizientere und nachhaltigere Wertschöpfungskette aufbauen.

So funktioniert SirPlus

BR: Und deshalb grenzt ihr euch mit eurem bezahlten Modell bewusst von der Tafel ab?

RF: Genau. Die Tafel hat dem Thema Lebensmittelverschwendung eine Menge Aufmerksamkeit verschafft. Sie beschränkt sich aber ausschließlich auf die Unterstützung von Bedürftigen. Wir möchten aber allen Menschen ermöglichen, sich für die Lebensmittelrettung einsetzen zu können. Trotzdem ist unser Motto „Tafel first“ – deshalb haben die Tafeln immer Vorrang und SirPlus rettet zum Beispiel bei den METRO Fillialen in Berlin nur das, was die Tafeln nicht abholen. Außerdem spenden wir 20 % der Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen. Auch da gilt: Je mehr gerettet wird, desto mehr kann weitergegeben werden.

Retterbox von SirPlusBR: Wie viele Tonnen Lebensmittel werden von euch gerettet und weiterverkauft?

RF: Über 600 Tonnen haben wir seit September 2017gerettet. Wir haben mittlerweile über 250 Partnerfirmen, denen wir ihre Überschüsse für ein kleines Entgelt abkaufen. Bei den Produkten ist größtenteils das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen. Aber wie wir ja mittlerweile wissen, sind Lebensmittel meist noch mehrere Wochen,ja, sogar Monate nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar. Auch Obst und Gemüse, dass zum Beispiel aufgrund seiner Form oder Größe nicht den Normen entspricht, werden von uns abgenommen. Bei allen Lebensmitteln gilt natürlich trotzdem, dass wir sichergehen möchten, dass unsere verkauften Waren noch genießbar sind. Um das zu garantieren, werden bei Produkten mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum regelmäßig von allen Chargen Stichproben genommen. Wenn dann etwas nicht mehr gut ist, müssen wir es auch wegwerfen. Dafür nutzen wir übrigens eure Tonnen für Speisereste.

SirPlus gewinnt den Bundespreis "Zu gut für die Tonne"BR: Wenn man sich in einen eurer Läden umschaut, sieht man ein sehr diverses Publikum. Wie erklärt ihr euch, dass bei euch der typsiche Hipster, Senioren oder auch Betuchte einkaufen gehen?

RF: Wir haben zwar keine Statistiken, aber genau das ist auch unser Eindruck und das ist cool! Wir wollten unser Thema in der Mitte der Gesellschaft platzieren – dass ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum nicht heißt, dass das Lebensmittel automatisch schlecht ist. Und das hat wohl gut funktioniert: Deshalb kaufen bei uns zum Beispiel die jungen Leute, die eh schon einen nachhaltigen Lebensstil führen. Da man bei uns im Laden auch viel günstiger als in herkömmlichen Supermärkten einkaufen kann, gehören zu unserer weiteren Hauptzielgruppe die Leute, die Geld sparen möchten oder müssen. Bei uns passen beide rein. Und das Schöne daran ist doch, dass Lebensmittelretten auf einmal cool ist. Wir arbeiten an einem Paradigmenwechsel, der zum Beispiel vergleichbar ist mit dem Stellenwert von vegetarischer Ernährung.

BR: Sammelt ihr eure Lebensmittel eigentlich deutschlandweit?

RF: Ja, wir beziehen Lebensmittel deutschlandweit, bei kleineren Mengen holen wir die Ware auch in Berlin mit unserem Transporter selbst ab. Viele Produkte kommen aber von außerhalb, sodass wir die Speditionen für den Transport natürlich auch entsprechend bezahlen müssen. Oft sind es ganze Sattelzüge mit Lebensmitteln, die wir so retten können.

Rett-o-Mat für Coworking-Spaces und UniversitätenBR: Und wo bringt ihr das alles unter?

RF: Wir haben eine 1000 Quadratmeter große Lagerfläche, die unter anderem auch für unseren Online-Shop benutzt wird. Dort können wir aber nicht ewig bleiben und daher suchen wir derzeit einen neuen, dauerhaften Lagerstandort in Berlin. Manchmal möchte ein Hersteller eine komplette Charge an uns weitergeben. Dann setzen wir uns dafür ein, dass wir das alles abnehmen können und deshalb brauchen wir dementsprechend viel Platz.

BR: Welche Produkte kann man in eurem Online-Shop erwerben?

RF: In unserem Shop verkaufen wir unsere „Retterboxen“ und „StartUp-Retterboxen“. Darin enthalten sind gesunde Snacks sowie Tee oder Kaffee. Außerdem bestücken wir mittlerweile auch Automaten in Coworking-Spaces und Universitäten. Wir wollen Lebensmittelrettung näher zu den Verbrauchern bringen. Also einerseits den Gedanken säen, aber es für alle, die retten wollen, auch ganz praktikabel machen.

BR: Lohnt sich die Zusammenarbeit auch für Hotels oder Gastronomen?

RF: Auf jeden Fall. Neben dem Verkauf im Online-Shop und in unserem Läden in Wilmersdorf und Steglitz, die hauptsächlich von privaten Kunden besucht werden (B2C), verkauft SirPlus gerettetes Obst und Gemüse an Gastronomen zu günstigeren Konditionen (B2B).

Lebensmittelrettung mit SirPlusBR: Wenn du in die Zukunft schauen könntest, was würdest du dir dann für SirPlus in fünf Jahren wünschen?

RF: In fünf Jahren betreiben wir über 35 Läden europaweit, aber hauptsächlich in Deutschland. Wir werden dann einen effizienten Online-Shop haben, der 100.000 Pakete pro Monat verkauft. Unsere Logistik wird optimiert sein und auch große Mengen an geretteten Lebensmitteln gut verteilen. Ein ganz großer Punkt ist auch die Vernetzung von NGOs mit Handel und Großhandel sowie Erzeugern über unsere Plattform. Dafür werden wir unseren digitalen Marktplatz bis dahin so etalblieren, dass Lebensmittelretten auch für große überschüssige Mengen praktikabel, wirtschaftlich und sinnvoll umsetzbar ist. Wir wollen eigene Produkte aus geretteten Lebensmitteln verarbeiten, haltbar machen und in den Kreislauf zurückgeben. Damit wollen wir auch in Supermarktketten vertreten sein. Wir möchten andere inspirieren, Lösungen finden und Lebensmittelrettung alltagstauglich machen. Uns ist der Sinneswandel wichtig – da haben wir auch einen Bildungsauftrag. Der Großteil der Verschwendung findet zuhause statt. Bis 2030 möchten wir dazu beitragen, die Verschwendung um 50% zu reduzieren, wie die EU es sich vorgenommen hat.

BR: Das klingt nach tollen Plänen und einer großen Zukunft. Wir wünschen euch daher weiterhin maximale Erfolge und eine große Anhängerschaft – uns hat SirPlus bereits begeistert!

 

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Bildnachweise

© Rettermarkt von SirPlus: Maja Seidel

© Sirplus gewinnt Bundespreis "Zu gut für die Tonne": Christof Rieken / bmel.de

© Infografik, Rett-o-Mat und Retterbox sowie Foto mit Lebensmittelbox : SirPlus / sirplus.de