Allein in Deutschland werden nach Angaben des WWF jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Das entspricht rund 33 Prozent des aktuellen Nahrungsmittelverbrauchs in der Bundesrepublik! Laut WWF können bis zu 10 Millionen Tonnen davon aber schon heute – ohne den Einsatz neuer Technologien –vermieden werden. Rund die Hälfte der potenziell vermeidbaren Lebensmittelabfälle, sprich ca. 5 Millionen Tonnen, könnten durch veränderte Konsumgewohnheiten in den privaten Haushalten eingespart werden.

Um die Verschwendung von Nahrungsmitteln zu reduzieren und es Endverbrauchern einfacher zu machen, Lebensmittel zu retten, haben Raphael Fellmer und Martin Schott das Social Impact Startup SIRPLUS gegründet.

Rückblick:

SIRPLUS TeamSeit zwei Jahren ist Berlin Recycling Kooperationspartner von SIRPLUS. Das Unternehmen, das überschüssige Nahrungsmittel vor der Mülltonne bewahrt, indem sie günstig weiterverkauft werden, leistet einen großen Beitrag im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung.

Im April 2018 haben wir Raphael, Mitgründer von SIRPLUS, das erste Mal für ein Interview auf unserem Blog getroffen (→ hier finden Sie das erste Interview mit Raphael). Damals hatte das 2017 gegründete Unternehmen bereits 600.000 Kilogramm Lebensmittel gerettet. Möglich gemacht haben das vier Rettermärkte in Berlin, der SIRPLUS Online-Shop sowie zahlreiche Kunden und Unterstützer.

Über 1 ½ Jahre später ist bei SIRPLUS Vieles und Neues passiert:

  • Aus 600 Tonnen geretteten Lebensmitteln sind mittlerweile über 2.000 Tonnen geworden!
  • Zu den damals 250 unterstützenden Partnerfirmen – bestehend aus Produzenten, Händlern und Landwirten – sind weitere 450 Unternehmen hinzugekommen, die die Mission und Vision von SIRPLUS unterstützen.
  • Seit der Unternehmensgründung haben mehr als 120.000 SIRPLUS Kunden Nahrungsmittel vor dem Wurf in die Mülltonne bewahrt.

Grund genug für ein erneutes Treffen!

Wie haben sich die Rettermärkte und der Online-Shop entwickelt? Was waren die SIRPLUS Highlights in 2019? Und was können wir in diesem Jahr von SIRPLUS erwarten? Das und noch viel mehr verrät uns Raphael in unserem zweiten Interview:

Aus Zwei mach Vier: SIRPLUS Rettermärkte in Berlin

Rettermarkt in FriedrichshainBerlin Recycling (BR): Raphael, bei unserem letzten Treffen hattest du uns erzählt, dass ihr in Berlin zwei Supermärkte eröffnet habt, in denen ihr Lebensmittel weiterverkauft, die normalerweise aufgrund eines kürzlich oder baldig abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatums oder wegen eines optischen Makels in der Mülltonne gelandet wären. Wo findet man eure sogenannten „Rettermärkte“ heute?

Raphael Fellmer (RF): Zu unserem damals schon vorhandenen Laden in Berlin-Steglitz (Schloßstraße 94, 12163 Berlin) sind unsere Rettermärkte in der East Side Mall in Friedrichshain (Tamara-Danz-Straße 11, 10243 Berlin), in Neukölln (Karl-Marx-Straße 108, 12043 Berlin) und jetzt seit Anfang Januar auch am Ostbahnhof (Am Ostbahnhof 4, 10243 Berlin) hinzugekommen.

BR: Was ist aus eurem Laden in Berlin-Charlottenburg geworden?

RF: Mit unserem Rettermarkt in der Wilmersdorfer Straße hat damals alles begonnen, denn hier haben wir im September 2017 unseren ersten Supermarkt eröffnet.

Ursprünglich war hier die Anmietung der Ladenfläche nur für vier Monate geplant – aber am Ende sind aus den vier Monaten 1 ½ tolle Jahre geworden. Da das Haus jedoch abgerissen wurde, mussten wir den Rettermarkt 2019 schließen.

Dafür hat das neue Jahr 2020 mit einem tollen Highlight begonnen: der Eröffnung unseres vierten Rettermarktes am Berliner Ostbahnhof. Hier könnt ihr uns ab sofort an sieben Tagen der Woche besuchen!

BR: Was gibt es denn mittlerweile alles bei euch in den Rettermärkten zu kaufen?

gerettetes Obst und GemüseRF: Wir haben nicht nur unsere Standorte, sondern auch unsere Produkte erweitert. So konnten wir unser Angebot innerhalb von zwei Jahren von 30 auf über 500 Produkte ausbauen! Bei uns findet ihr zum Beispiel:

  • Grundnahrungsmittel wie Nudeln und Reis,
  • Getränke,
  • Backwaren,
  • frisches Obst und Gemüse,
  • Molkereiprodukte und Fleisch,
  • Convenience-Produkte,
  • bis hin zu veganen Spezialprodukten und ausgefallenen Dingen wie z.B. Chips aus blauen Kartoffeln oder Fruchtmus-Bonbons.

Aber auch nachhaltige Produkte wie öko-soziales Toilettenpapier, unverpackte Lebensmittel und Drogerieprodukte gibt es bei uns zu einem günstigen Preis zu kaufen. Seit Neuestem findet ihr außerdem nicht gerettete, aber biologisch hergestellte Lebensmittel wie Salz und Öl in unseren Rettermärkten.

BR: Gibt es Produkte, die ihr in euren Supermärkten oder im Online-Shop nicht verkauft? Und wenn ja, welche wären das zum Beispiel?

RF: Grundsätzlich gibt es bei uns sowohl Bio- als auch Nicht-Bio-Lebensmittel, denn wir versuchen alle Nahrungsmittel zu retten. Einzige Ausnahme sind Waren, deren Kühlkette unterbrochen wurde oder die mit einem abgelaufenen Verfallsdatum gekennzeichnet sind.

BR: Verbrauchsdatum vs. Mindesthaltbarkeitsdatum: Worin besteht hier der Unterschied?

RetterboxenRF: Mit einem Verbrauchsdatum werden leicht verderbliche Produkte wie zum Beispiel Hackfleisch, Rohmilch oder vorgeschnittene, frische Salate gekennzeichnet. Ist das Verfallsdatum dieser Produkte abgelaufen, so sollten sie entsorgt und nicht verzehrt werden – verkaufen darf man solch kritische Lebensmittel auch nicht mehr nach dem Verbrauchsdatum.

Lebensmittel, die mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) gekennzeichnet sind, können hingegen noch Tage, Wochen, Monate – ja manchmal sogar Jahre nach Ablauf noch gegessen werden. Mit dem MHD garantieren die Hersteller lediglich, dass ein Produkt bis zu einem bestimmten Datum seine Eigenschaften wie Geruch, Beschaffenheit, Farbe oder Konsistenz beibehält. Da viele Produkte jedoch noch weit nach Ablauf des MHDs verzehrbar sind, sollten wir unseren Sinnen etwas mehr zutrauen – und zuvor Riechen, Fühlen oder Schmecken, bevor wir etwas in die Mülltonne schmeißen.

BR: Welche Produkte sind nach eurer Erfahrung noch länger als das angegebene MHD genießbar?

RF: Milch ist beispielsweise oft noch Wochen nach Ablauf vom MHD genießbar und nicht kühlpflichtige abgepackte Lebensmittel sogar viele Monate. Durch unsere regelmäßigen Stichproben haben wir zum Beispiel auch festgestellt, dass Joghurt sogar bis zu einem halben Jahr nach Ablauf des MHDs noch genießbar ist! Voraussetzung hierfür sind eine optimale Lagerung und dass die Verpackungen noch ungeöffnet sind.

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Eröffnung Rettermarkt NeuköllnSIRPLUS Highlights 2019

BR: Du hast eben erzählt, dass ihr dieses Jahr bereits einen neuen Meilenstein feiern durftet: die Eröffnung eures vierten Rettermarktes. Was sind eure drei größten Highlights im vergangenen Jahr gewesen?

April 2019: Eröffnung des dritten SIRPLUS Rettermarktes in Neukölln

RF: Nachdem wir 2018 unsere beiden Rettermärkte in Steglitz und Friedrichshain eröffnet haben, waren wir lange auf der Suche nach einer weiteren, passenden Location. Im April 2019 konnten wir dann die Eröffnung unseres dritten Rettermarktes in Neukölln verkünden. Hier findet ihr uns im ehemaligen foodoutlet24, dass wir nach vorheriger Kooperation dann samt Sortiment und Mitarbeiter übernommen bzw. gerettet haben.

Hier hat sich seit der Übernahme unser Sortiment mehr als verdoppelt. Neben geretteten Lebensmitteln findet man nun auch viele ökologisch und sozialverantwortungsvolle Non-Food-Produkte wie wiederbenutzbare Backfolien oder die plastikfreien Trinkflaschen des Berliner Startups soulbottles.

Tipp: Weitere nachhaltige Startups und ihre innovativen Produkte stellen wir Ihnen in unserem Artikel „10 grüne Startups, deren nachhaltige Produkte und Innovationen Sie kennen sollten“ vor.

Mai: Start der zweiten Crowdfunding-Kampagne

SIRPLUS Gründer Martin Schott und Raphael FellmerRF: Das zweite SIRPLUS Highlight im letzten Jahr ist für mich unsere zweite Crowdfunding-Kampagne, die wir erfolgreich abschließen konnten. Dank der Unterstützung von 2.008 Supportern konnten wir innerhalb von nur 2 ½ Monaten über 100.000 EUR einsammeln.

BR: Was habt ihr mit dem gesammelten Crowdfunding-Geld vor?

RF: Mit dem Geld arbeiten wir aktuell ein Franchise-Konzept aus – denn unser Ziel ist es, dass es künftig Retter-Supermärkte in ganz Deutschland gibt.  

In den letzten 2 Jahren haben wir nämlich mehr als 2500 Anfragen bekommen, wann denn der erste Rettermarkt außerhalb Berlins eröffnet wird. Außerdem haben sich schon über 100 interessierte Franchisenehmer bei uns gemeldet, die gerne einen SIRPLUS Rettermarkt in ihrer Stadt eröffnen möchten. Dank der Unterstützung der Crowd können wir jetzt zusammen mit einem Franchise-Experten konkrete Maßnahmen angehen.

BR: Das klingt spannend! Wir freuen uns, beim nächsten Städtetrip auf einen weiteren SIRPLUS Rettermarkt zu treffen! Gibt es noch einen dritten Meilenstein, den ihr 2019 erreichen konntet?

September: Als Gast bei der TV-Show „Die Höhle der Löwen“

SIRPLUS Auftritt bei "Die Höhle der Löwen"RF: Im September wurde unser Auftritt bei der Investoren-Show „Die Höhle der Löwen“ ausgestrahlt. Auch wenn hier zwar kein direkter Deal mit den Höhle-der-Löwen-Investoren zustande gekommen ist, war die Teilnahme dennoch ein Erfolg.

BR: Welche Auswirkungen hatte euer Auftritt bei „Die Höhle der Löwen“?  

RF: Am Ende sollte es wohl so sein, dass die Löwen nicht bei uns eingestiegen sind. Denn stattdessen haben wir drei unglaublich tolle Impact Investoren gefunden, mit denen wir gemeinsam unsere Vision – eine Welt, in der alle Menschen genügend zu essen haben und alle produzierten Lebensmittel gegessen werden – verfolgen.
Neben der Gewinnung unserer Impact Investoren ist vor allem die mediale Resonanz durch die Show enorm gewesen. Allein an dem Abend der Ausstrahlung konnten wir drei Millionen Personen erreichen – und dann noch die Berichterstattungen in Zeitungen und im Fernsehen im Anschluss!

BR: Hatte der Medientrubel auch direkte Auswirkungen auf die Anzahl eurer Supermarkt- und Online-Shop-Besucher?

RF: Auf jeden Fall! Mittlerweile hat auch eine Forsa-Befragung bestätigt, dass Medien mit ihrer Berichterstattung über Lebensmittelwertschätzung und -verschwendung einen sehr großen Einfluss auf das Verhalten der Gesellschaft haben. Je mehr Artikel oder Berichte es im Fernsehen, in Zeitungen oder in den sozialen Medien gibt, desto mehr steigt das Bewusstsein der Leute, auch am eigenen Verhalten etwas zu ändern, um Lebensmittelverschwendung zu verringern – und im Idealfall natürlich komplett zu vermeiden.

Tabelle: Wie kommt es zu Lebensmittelverlusten in Deutschland und wie viele Verluste wären vermeidbar?

 
Quelle Ursache

Lebensmittelabfälle
in Deutschland
in Mio. Tonnen

vermeidbare Lebensmittelabfälle
in Deutschland
in Mio. Tonnen

private Haushalte
  • mangelnde Einkaufsplanung
  • Fehlverständnis von Haltbarkeitsangaben
  • falsche Lagerung
7,2 4,9

Großverbraucher

(z.B. Restaurants oder Kantinen)

  • hohe Rückläufe
  • Reste beim Buffet
  • mangelnde Planung
3,4 2,3
Groß-/ Einzelhandel
  • Temperaturveränderungen
  • Ästhetischer Standard
  • Verpackungsmängel
  • Überbestand
2,58 2,4
Nachernteverluste
  • Aussortierung nicht geeigneter Ware
  • Verluste bei Wasch-, Schnitt-, Kochprozessen
2,61 0,3
Prozessverluste
  • Aussortierung nicht geeigneter Ware
  • Verluste bei Wasch- und Schnittprozessen
1,59 0
Ernteverluste
  • Verluste durch mechanische Zerstörung
0,98 0

(Angaben basierend auf: WWF Deutschland, Studie: „Das große Wegschmeißen“)

Tipp: Sie sind Gastronom und wollen in Ihrem Betrieb Lebensmittelverschwendung vermeiden? Dann lesen Sie unseren Artikel „Tipps, mit denen die Gastronomie ihre Müllentsorgung optimiert“.

Blick in die Zukunft: Was hält 2020 für SIRPLUS bereit?

BR: Wow, 2019 scheint ein aufregendes Jahr für euch gewesen zu sein! Kannst du uns noch kurz verraten, ob es auch in diesem Jahr etwas Neues von euch zu Hören und Sehen geben wird?Kooperation Berlin Recycling und SIRPLUS  

RF: Klar, fangt am besten damit an, unseren neuen Rettermarkt am Ostbahnhof zu besuchen!

Außerdem wollen wir mit unserem Franchisekonzept den ersten Rettermarkt in einer anderen deutschen Stadt eröffnen.

Mit unserer SIRPLUS Eigenmarke möchten wir in diesem Jahr zudem Produkte aus geretteten Lebensmitteln in den normalen Einzelhandel bringen. Dafür arbeiten wir zusammen mit Landwirten und Produzenten an Produktionsprozessen, die es ermöglichen, aus überschüssigen Lebensmitteln neue Kreationen zu zaubern. Bier aus gerettetem Brot zum Beispiel, oder Tomatenpüree bei Tomatenüberproduktion. Ihr findet uns also schon bald deutschlandweit – wenn auch zunächst erst einmal „nur“ mit unserer Eigenmarke.

BR: Lieber Raphael – das klingt sehr vielversprechend! Hab vielen Dank für deine Zeit und den Einblick in das aktuelle SIRPLUS Geschehen – wir freuen uns auf eure neuen Projekte und wünschen grüne Erfolge!  

 

Weitere Tipps zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung und zur Reduzierung von unnötigen (Verpackungs-)Müll finden Sie auf unserem Blog:

Haben Sie Fragen zu SIRPLUS oder Tipps, wie Sie im Alltag Lebensmittelabfälle vermeiden? Dann freuen wir uns auf Ihren Kommentar!

 

Bildnachweise

© Collage Header-Bild: Maja Seidel, SIRPLUS (v.o.n.u.)

© Teambild, Rettermarkt Friedrichshain, Obst/ Gemüse, Retterboxen, Eröffnung Neukölln, Martin Schott/ Raphael Fellmer: SIRPLUS GmbH / sirplus.de

© Ausschnitt aus "Die Höhle der Löwen": VOX, TVNOW / Bernd-Michael Maurer