Der Trend zur Verstädterung sorgt dafür, dass grüne Gebäude immer wichtiger werden. Denn neben der steigenden Feinstaubbelastung schränken die vielen, versiegelten Flächen und die Abwärme von Industrie und Verkehr die Windzirkulation ein. Das Ergebnis: Starke Hitzebelastungen, die sich angesichts des Klimawandels in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen werden. Um diesen Effekten entgegenzuwirken, werden weltweit immer mehr nachhaltige Gebäude entworfen. Wir stellen Ihnen vier dieser besonderen, grünen Architekturprojekte vor, die dafür sorgen sollen, dass wir auch in einer Großstadt mit ausreichend frischer Luft und Grün zur Erholung versorgt werden.

Was macht grüne Gebäude besonders?

Meist lassen sich die nachhaltigen Häuser schon von außen und aus der Ferne an ihren begrünten Fassaden, Dächern, Balkonen und Terrassen erkennen. Denn durch die Bepflanzung können Gebäude dazu beitragen, dass Hitze reduziert und Luftfeuchtigkeit erhöht wird. Außerdem unterstützen die bepflanzten Wände die Sauerstoffproduktion und dienen als natürlicher Lärm- und Sichtschutz.
Aber nicht nur Pflanzen allein, sondern die gesamte Form und Funktion eines Gebäudes muss zahlreiche ökologische, ökonomische und soziale Faktoren erfüllen, damit es sich nachhaltig nennen kann, darunter z.B.

  • die Nutzung erneuerbarer Energien
  • eine effiziente, flächensparende Bauweise
  • die Verwendung von nachhaltigen Baumaterialien
  • eine möglichst lange Lebensdauer
  • geringe Auswirkungen auf die Umwelt (z.B. durch „Cradle to Cradle“ im Bauwesen)

Darüber hinaus geht es bei grüner Architektur nicht nur um die Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien. Wie Gebäude selbst zu einer grüneren Umwelt beitragen können und wie dies großflächig und weltweit umsetzbar ist, ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Denn rund 40 Prozent der Endenergie und 30 Prozent der energiebedingten CO2-Emissionen entfallen allein auf den Gebäudesektor.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten, ökologischen Gründe für nachhaltiges Bauen?

Statistik ökologische Gründe für nachhaltiges Bauen

Befragung von 2.078 Architekten, Ingenieure, Bauunternehmer, Eigentümer, Spezialisten, Investoren aus den Ländern Australien, Brasilien, China, Deutschland, Indien, Irland, Kanada, Kolumbien, Mexiko, Norwegen, Polen, Saudi-Arabien, Singapur, Südafrika, Spanien, Vereinigte Arabische Emirate, Vereinigtes Königreich, USA, Vietnam.

Quelle: statista.de

Grüne Architektur – Beispiele für urbane Oasen

Bei der Recherche nach grünen Gebäuden findet man viele Visionen und Illustrationen, die darstellen, wie wir in Zukunft in grüneren Städten leben werden: Smarte Cities mit futuristischen, gläsernen Hochhäusern und grünen, bepflanzten Fassaden statt grauer Beton-Tristesse. Nachhaltige Gebäude sind aber schon längst keine Zukunftsmusik mehr. Tatsächlich gibt es auf der ganzen Welt bereits zahlreiche Projekte, die zeigen, wie wir schon heute umweltfreundlicher leben, arbeiten und wohnen können. Die Visionen der Zukunft spiegeln sich dabei bereits in der Gegenwart wider.

Hoch hinaus in Mailand: Bosco Verticale

Bosco Verticale in MailandDie wahrscheinlich bekanntesten Gebäude, an die man bei nachhaltiger Architektur denkt, sind die beiden begrünten Hochhaustürme des Architekten Stefano Boeri in Mailand. Das Projekt „Bosco Verticale“ steht für den vertikalen Wald, der im Norden von Mailands Zentrum zu finden ist. Hinter dem Namen verbergen sich zwei Wohntürme, die sich auf 87 Meter und 119 Meter Höhe erheben. Die Gebäudekomplexe sind aber nicht allein aufgrund ihrer Höhe ein besonderes Highlight im Stadtbild. Neben Beton und Glas bestehen die Hochhäuser nämlich aus rund 800 Bäumen und ca. 20.000 Sträuchern, die auf den Balkonen und Terrassen an allen vier Seiten der Wolkenkratzer gepflanzt wurden. Zusätzlich zu der Wohnfläche von 50.000 Quadratmetern, die sich auf die insgesamt 113 Apartments verteilen, verfügen die beiden Gebäude damit über 10.000 Quadratmeter Waldfläche.

20 verschiedene Baum- und 80 unterschiedliche Pflanzenarten wurden hierfür ausgewählt. Die Pflanzen mussten nicht nur besonders widerstandsfähig gegen Wind, sondern auch möglichst resistent gegen Schädlinge und einfach in der Pflege sein. Jede Etage der Wohntürme ist je nach Höhenstufe und Lichteinfall unterschiedlich bepflanzt – darunter zum Beispiel mit Zieräpfeln und Buchen sowie Lavendel und winterharten Kamelien. Bewässert wird der vertikale Wald durch ein eigenes Grauwasser-Filtersystem, für dass das Abwasser aus den Gebäuden entsprechend aufbereitet wird.

Die optisch schwebenden Gärten absorbieren Sonnenlicht, Staub sowie Straßenlärm und sorgen für ein angenehmes Wohnklima. Hierfür wurde das Projekt 2014 mit dem Internationalen Hochhauspreis ausgezeichnet und LEED Gold zertifiziert. Nach dem Vorbild der „Bosco Verticale“ entsteht in der Schweiz aktuell der 117 Meter hohe „Torre dei Cedri“ – der grüne Zedern-Wohnturm.

 

Grün, grüner, am grünsten: Nachhaltige Architektur in Singapur

Grüne Gebäude in SingapurIn dem Insel- und Stadtstaat Singapur leben über 5,7 Millionen Menschen auf engem Raum – und trotzdem gehört die Metropole zu einer der grünsten Asiens. Hier findet man nicht nur ein nachhaltiges Pilotprojekt, sondern trifft überall auf begrünte Häuser. Das tropische Klima und die wenigen, noch frei bebaubaren Flächen waren bereits vor einigen Jahren Auslöser dafür, dass Architekten und Stadtplaner an neuen, grüneren Konzepten tüftelten.

Singapur selbst versteht sich seither als „Stadt im Garten“. Ziel der Regierung ist es, dass die Wolkenkratzer bis 2030 mit 200 Hektar Grün bepflanzt sind. Dafür wurden entsprechend strenge Bauauflagen beschlossen. So muss jeder Quadratmeter Grünfläche, der durch einen Neubau verloren geht, an anderer Stelle des Gebäudes nachbepflanzt werden. Außerdem gibt es eine eigene Zertifizierung, die jedes neue Gebäude erhalten muss – denn ohne grünes Label gibt es keine Baugenehmigung.

Die grünen Wolkenkratzer in Singapur sollen nicht nur das Klima, sondern auch die Lebensqualität der Bewohner verbessern und dafür sorgen, dass sich die Menschen wohlfühlen und nicht wegziehen wollen.

„Eine Herausforderung ist es, sicherzustellen, dass das Grün nicht nur schön aussieht. Es muss einen Nutzen haben und es muss zugänglich sein, damit Menschen sich daran erfreuen können.“

(Pearl Chee, Geschäftsführerin des Architektur-Büros WOHA über die grünen Bauten in Singapur)

Singapur Gardens by the BayEinige der Hochhäuser können bereits Solarenergie und Wasser gewinnen. Dank der ökologischen Häuser soll der Energieverbrauch sinken und Klimaanlagen, die wahre Stromfresser sind, schon bald der Vergangenheit angehören.

Neben den Wolkenkratzern grünt es aber auch an anderen Stellen in der Stadt: neun Prozent des Stadtgebietes wurden für Parks und Naturreservate freigehalten. Diese Flächen sollen in den nächsten Jahren miteinander verbunden werden, sodass die Bewohner überall im Grünen spazieren gehen, joggen oder Fahrrad fahren können.

 

Grüne Architektur als Mitarbeitermotivation: Die Amazon Spheres in Seattle

Amazon Spheres in SeattleEin weiteres nachhaltiges und innovatives Bauprojekt stammt von dem US-Riesen Amazon. Der Online-Versandhandel hat 2018 in Seattle seinen Firmencampus mit den „Amazon Spheres“ erweitert. Hierbei handelt es sich um drei riesige Kugeln, die aus tausenden, mit Stahl eingefassten Glaspanelen erbaut wurden und seither Cafeteria, Büros und Gemeinschaftsflächen für die Firmenmitarbeiter beherbergen.

Aber nicht nur von außen sind die Spheres ein besonderes Highlight: Im Inneren der kugelförmigen Wintergärten findet man über 40.000 seltene Pflanzen. 300 verschiedene Pflanzenarten aus mehr als 50 Ländern wurden hierfür bepflanzt. Allein die Planung der Konstruktion hat dabei über vier Milliarden Dollar verschlungen. Damit sich die Ausgaben rentieren, sind die Amazon-Mitarbeiter dazu angehalten, möglichst viel Zeit in den Glaskuppeln zu verbringen – zum Beispiel durch Nutzung der Tagungsräume, die als Baumhäuser in die grüne Landschaft integriert wurden. Neben den zahlreichen Pflanzen runden Flüsse und Wasserfälle den Urwald inmitten der Großstadt ab und sorgen für ein angenehmes Klima. Innenaufnahme Amazon SpheresUm der Stadt-Gemeinschaft Genüge zu tun, haben auch Schulen und Universitäten Zutritt, um die verschiedenen, seltenen Pflanzen studieren zu können.

Warum Amazon-Chef Jeff Bezos aber überhaupt diesen Aufwand für ein Bürogebäude betrieben hat? Studien haben belegt, dass Räume, die viele Pflanzen und naturähnliche Elemente besitzen, die Kreativität anregen und sogar die Gehirnfunktion verbessern. Bezos erhofft sich also durch diese angenehme Umgebung die Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter erhöhen zu können und das Online-Imperium weiterauszubauen.

 

Europas größte Grünfassade: Die Kö-Bogen II in Düsseldorf

Auch in Deutschland sind wir im Bereich der nachhaltigen Architektur schon weit gekommen. So nutzen wir begrünte Dächer, Solarzellen sowie fortschrittliche Dämmstoffe und haben eigene Zertifizierungen für besonders nachhaltige Immobilien. Ein Immobilienunternehmen ist in Düsseldorf noch einen Schritt weitergegangen und hat an seinem Leuchtturmprojekt Kö-Bogen II sämtliche Fassaden und Dächer des neuen Einkaufzentrums bepflanzt.

Kö-Bogen II in Düsseldorf25.000 Quadratmeter Fläche mit diversen Einzelhandel- und Gastronomie-Angeboten und dem riesigen, begrünten „Ingenhoven-Tal“ stehen den Besuchern voraussichtlich Ende 2020 zur Verfügung. Für ein Gebäude dieser Größe wurden 8 Kilometer Hainbuchen-Hecken zur Bepflanzung benötigt – das entspricht 30.000 einzelnen Pflanzen, die das Gebäude wie einen grünen Hügel aus der Umgebung hervorstechen lassen und einen etwas surrealen Anblick bieten.

Diese einzigartige Begrünung sorgt dafür, dass eine Menge CO2 sowie Feinstaub gebunden wird und die Umgebung durch Verdunstung des Wassers angenehm kühl bleibt. Ohne die Begrünung würde sich an sonnigen Tagen Wärme von bis zu 70 Grad an der Fassade entwickeln, die laufend an die Umgebung abgegeben wird. Der Kö-Bogen II erzeugt somit denselben ökologischen Effekt wie 80 ausgewachsene Laubbäume. Zusätzlich zu der einzigartigen Bepflanzung musste für den Bau eine viel befahrene Straße weichen, die nun unterirdisch verläuft. Der neugewonnene Platz bietet Spaziergängern Grünflächen und Sitzmöglichkeiten zum Entspannen und Verweilen.

Das Projekt steht neben dem Schauspielhaus sowie dem Dreischeibenhaus und komplettiert nun die touristische Sogwirkung des Düsseldorfer Kiezes.

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Jetzt sind Sie gefragt: Kennen Sie noch weitere grüne Architekturprojekte, die Ihnen auf Reisen oder im Urlaub begegnet sind? Haben Sie bereits in einem begrünten Haus gewohnt oder gearbeitet? Was ist Ihnen bei einem nachhaltigen Gebäude am wichtigsten? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare unter diesem Beitrag.

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Bildnachweise

© Vorschau- und Header-Bild: FrankBoston / stock.adobe.com

© Infografik Green Building: Statista / de.statista.com

© Bosco Verticale: pierluigipalazzi / stock.adobe.com

© Singapur Parkroyal Hotel: Ivan Kurmyshov / stock.adobe.com

© Singapur Gardens by the Bay: Aldrin / stock.adobe.com

© Amazon Spheres Außenansicht: Mat Hayward / stock.adobe.com

© Amazon Spheres Innenaufnahme: Amazon / press.aboutamazon.com

© Kö-Bogen II: Centrum Group / centrum-group.de